Donnerstag, 7. Juni 2012

„stillen ist schlecht“, sagen industrie, wirtschaft und politik.

vor einigen tagen erschien im standard ein interview mit der schweizer journalistin nicole althaus, ihres zeichens chefredateurin der zeitschrift „wir eltern“. in diesem beklagt sie, dass man stillen unnotwendigerweise als druckmittel gegen frauen einsetzt, beim kind zu bleiben - oder „daheim am herd“, da wird kein unterschied gemacht - um sie an ihrer (beruflichen) weiterentwicklung zu hindern und dass es eigentlich voellig unnotwendig ist, weil es keinen echten grund gibt, muttermilch der industriellen vorzuziehen.

da ich schon laengere zeit im mediengewerbe taetig bin und weiss, wie das dort laeuft, mache ich mir da keine illusionen, dass frau althaus diese meinung nicht (nur) aus tiefster persoenlicher ueberzeugung vertritt, sondern auch, weil es recht offensichtlich ist, wer die buchungsstaerksten anzeigenkunden sind. da will man schliesslich keine verstimmung riskieren, schon gar nicht, wenn man im mutterland des nestlé-konzerns erscheint.

auf der anderen seite stelle ich mir immer die frage, wozu man eigentlich kinder bekommt, wenn die groesste sorge die ist, persoenliche freiheiten zu verlieren. das ist nun einmal so. wenn man ein kind bekommt und es optimal selbst aufziehen moechte, dann muss man nun einmal einige jahre seines lebens „opfern“ - beide elternteile. diese frage endet ja nicht beim stillen; sobald kinder gehen koennen, sind sie ja noch lange keine potentiellen selbstversorger wie katzen.

aber um beim stillen zu bleiben: seit neuestem packt man eine studie aus, dass stillen nach dem vierten lebensmonat keinen (allergiepraeventiven) mehrwert gegenueber „broeselmilch“ halt. natuerlich haengen sich  „stillgegner“ und folgemilch-hersteller an diesem argument auf, uebersehen dabei allerdings einige punkte. stillen allein ist fuer ein kind nicht nur schnoede nahrungsaufnahme. fuer die meisten kinder ist es ein ritual, ist es naehe, geborgenheit, vielleicht eine einschlafhilfe, auf jeden fall das mittel nummer eins in sachen bonding. nach vier monaten ist damit aber noch nicht schluss. weiters gibt es da einen nicht zu unterschaetzenden kosten- und aufwandsfaktor. die substitut-milch ist nicht billig, sie zuzubereiten dauert seine zeit, denn ewig auf vorrat kann man das nicht machen.

schliesslich ist da noch der punkt, den viele uebersehen: folgemilch basiert auf kuhmilch. abgesehen davon, dass es einigermassen unlogisch erscheint, menschenbabymilch durch kuhbabymilch zu ersetzen, die industriell verarbeitet und zu einem pulver umgewandelt wurde, welches man am besten mit von vielen mineralwasserherstellern angebotenem „babywasser“ (lies: teureres stilles mineral) zubereitet, vergessen viele, dass menschen „per default“ kuhmilch nicht verwerten koennen. das muss der koerper erst lernen. was kann da die folge sein? weinende kinder mit bauchweh, blaehungen, uebelkeit. elternforen sind voll mit beitraegen, wo man festestellt, dass nach einigen monaten abgestillte kinder die folgemilch nicht so gut vertragen, dass sie ihnen offensichtlich nicht schmeckt und sie sogar deutlich abnehmen. aber das macht nichts, wird einem ja staendig suggeriert, dass dies wohl das bessere uebel sei. psychische kindesentwicklung spielt wohl keine rolle mehr (im gegenteil, wird einmal seit neuestem sogar weisgemacht, dass man kinder so frueh wie moeglich in fremdbetreeung geben soll, um „schaeden in der entwicklung“ zu vermeiden). das absurdeste anti-still-argument, welches ich je gehoert habe, war jenes, dass stillen nach sechs monaten einer „oedipalen entwicklung“ zutraeglich ist. zumindest scheint das alles langsam zu fruchten, denn nach der „schlaeft das kind schon durch?“-frage werden muetter ab sechs monaten von allein seiten gefragt, wann sie denn endlich abstillen. besonders interessiert daran ist natuerlich auch die wirtschaft, denn nur eine arbeitende frau, ist eine nuetzliche.

natuerlich gibt es situationen, da kommt man nicht drum herum, egal, ob die kinder die brust verweigern, ob aus medizinischen gruenden abgestillt werden muss oder es von anfang an nicht funktioniert hat. jedoch aus rein ideologischen gedanken (zitat althaus: „ Das Nichtstillen galt in den 1960ern als feministischer Aufbruch, der den Frauen Unabhängigkeit gegeben hat. Beim Stillen geht es nicht nur um das Wohl des Kindes, sondern immer darum, welche Rolle eine Gesellschaft Frauen zuschreibt.“) ist es der absolut falsche weg und spielt ausschliesslich den herstellern von ersatzmilch zu - einer florierenden milliardenindustrie, die natuerlich den teufel tun wird, dem stillen ein gutes urteil abzugeben.